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Der Eurasische Luchs

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Der Eurasische Luchs oder Nordluchs (Lynx lynx) ist eine in Eurasien verbreitete Art der Luchse. Im deutschen Sprachgebrauch

ist fast immer diese Art gemeint, wenn von „dem Luchs“ die Rede ist. Nach Bär und Wolf ist diese Katze das größte Raubtier,

das in Europa heimisch ist.

Ähnlich wie Braunbär und Wolf war auch der Eurasische Luchs über viele Jahrzehnte starker Verfolgung ausgesetzt. Nachdem die

Art durch gezielte Ausrottungsmaßnahmen aus Westeuropa verschwunden war, wanderten die Wildkatzen ab etwa 1950 aus

angrenzenden Siedlungsgebieten wieder ein und wurden auch gezielt wieder angesiedelt. Heute sind unter anderem die Alpen,

der Jura, die Vogesen, der Harz, das Fichtelgebirge, der Bayerische Wald und der Spessart von Luchsen besiedelt. In vereinzelten

Gebieten erreicht der Luchs sogar wieder seine maximale Siedlungsdichte.

Eurasischer Luchs (Lynx lynx
 

 

 

Körpermaße und Gewicht

Mit einer Kopfrumpflänge zwischen 80 und 120 Zentimetern und einer Schulterhöhe von 50 bis 70 Zentimeter ist der Luchs die

größte Katze Europas. Die Rückenlänge ohne Kopf und Hals entspricht der Schulterhöhe, so dass der Körperbau quadratisch wirkt.

Die Vorderbeine sind um 20 Prozent kürzer als die Hinterbeine. Die Pranken sind groß und verhindern im Winter, dass der Luchs

tief im Schnee einsinkt. Die Trittspuren, die der Luchs hinterlässt, sind mit einer Breite von fünf bis sieben Zentimetern für die

Vorderpranke und vier bis sechs Zentimetern für die Hinterpranke etwa dreimal größer als die einer Hauskatze. Die Schrittlänge

liegt zwischen 40 und 100 Zentimetern und kann bei sprintenden Luchsen bis zu 150 Zentimeter betragen. Anders als bei Fuchs

oder Hund fehlen bei Luchsfährten Krallenabdrücke, da die Krallen während des Laufens in die Hauttaschen zurückgezogen werden.

In Mitteleuropa wiegen männliche Luchse, die auch als „Kuder“ bezeichnet werden, je nach Region im Durchschnitt zwischen 20 und

25 Kilogramm, wobei besonders leichte Exemplare nur 14 Kilogramm wiegen und sehr schwere Tiere ein Körpergewicht von 37 Kilogramm

erreichen können. Weibchen sind durchschnittlich 15 Prozent leichter als männliche Tiere. Ihr Gewicht beträgt normalerweise etwa 15 bis

20 Kilogramm, mit Extremwerten, die bei 12 beziehungsweise 29 Kilogramm liegen.

 

Weitere Merkmale des Erscheinungsbildes und Sinnesleistungen


Mit den anderen Arten der Gattung verbinden den Luchs die Pinselohren, der breite und rundliche Kopf und der sehr kurze Schwanz.

Dieser ist beim Eurasischen Luchs zwischen 15 und 25 Zentimeter lang und endet in einer schwarzen Spitze. Der Eurasische Luchs

zeichnet sich durch einen sehr ausgeprägten Backenbart aus, den er weit abspreizen kann. Die Funktion des Backenbartes ist noch

nicht restlos geklärt. Wahrscheinlich drücken die Tiere über die Stellung des Backenbartes ihre Stimmung gegenüber ihren Artgenossen

aus. Möglicherweise dient der Backenbart aber auch als Reflektor von Schallquellen.

Die Haarpinsel an den spitzen, deutlich dreieckigen Ohren sind bis zu fünf Zentimeter lang und verstärken die Fähigkeit, Lautquellen

zu orten. Untersuchungen haben gezeigt, dass Luchse das Rascheln einer Maus noch aus einer Entfernung von 50 Metern

wahrnehmen und ein vorbeiziehendes Reh noch 500 Meter entfernt hören. Die mandelförmig geschnittenen und nach vorne

orientierten Augen sind goldgelb, gelbbraun oder ockerbraun. Sie sind das wichtigste Sinnesorgan des Luchses und etwa

sechsmal so lichtempfindlich wie die Augen des Menschen, was dem Luchs eine Jagd während der Dämmerung und der Nacht

erlaubt. Der Geruchssinn spielt bei der Jagd nur eine untergeordnete Rolle.

Das vollständige Gebiss eines Luchses besteht aus 28 Zähnen. Auf beiden Seiten des Ober- und Unterkiefers befinden

sich drei Schneidezähne, je ein stark ausgebildeter Eckzahn mit sogenannten Dolchrillen, zwei vordere Backenzähne oder

Prämolare sowie zwei Backenzähne oder Molare.

Das Fell des Eurasischen Luchses ist auf der Körperoberseite während des Sommers rötlich- bis gelbbraun und während des

Winterhalbjahres grau bis graubraun. Das Kinn, die Brust, die Bauchseite sowie die Innenseite der Läufe sind dagegen weißlich

grau bis cremeweiß. Die Fleckung des Fells ist individuell verschieden und im Sommer grundsätzlich ausgeprägter als während

des Winters. Bei einzelnen Individuen kann die Fleckung aber auch nahezu vollständig fehlen.Das Fell besteht aus einer dichten

Unterwolle. Die darüber liegenden Grannenhaare haben eine Länge zwischen fünf und sieben Zentimeter. Das Winterfell gehört

zu den dichtesten im Tierreich. Hochbeinigkeit, dichtes Fell und eine durch die breiten Pfoten bedingte geringe Flächenbelastung

ermöglichen es dem Luchs, auch noch bei Schneelage bis zu einem halben Meter erfolgreich zu jagen. Schneelagen über einem

Meter behindern ihn allerdings bei der Jagd, so dass er dann in Regionen mit geringerer Schneelage zurückzieht.

Aufmerksam beobachtet dieser Luchs seine Umgebung
 

 

 

Historisches Verbreitungsgebiet


Das europäische Verbreitungsgebiet des Luchses reichte noch zu Beginn der Neuzeit von den Pyrenäen in einem breiten Gürtel

bis zum Ural. Nach Ansicht einiger Wissenschaftler fehlte der Luchs dagegen auf Island, den Britischen Inseln, den Mittelmeerinseln

sowie einem Küstenstreifen, der von Calais über die Niederlande bis nach Lübeck reichte. Der Eurasische Luchs fehlte außerdem in

Dänemark und im nördlichen Skandinavien.

In Asien war er über nahezu ganz Sibirien vom Ural bis zum Pazifik sowie in Nordchina, Tibet, Teilen der Mongolei und in Turkestan

verbreitet. Seine Verbreitungsgrenze erreicht dabei im Norden den Polarkreis – keine andere Katzenart dringt weiter nach Norden

vor als der Eurasische Luchs.Im Süden reichte sein Verbreitungsgebiet bis Nepal, Nordindien, Nordpakistan, Persien und möglicher-

weise sogar bis Palästina.

Vor der Wiederbesiedlung wurden in Deutschland die letzten Luchse 1818 im Harz bei Lautenthal, 1846 auf der Schwäbischen Alb

bei der Ruine Reußenstein, ebenfalls 1846 bei Zwiesel im Bayerischen Wald und um 1850 in den bayerischen Alpen getötet. In der

Schweiz wurde der letzte Luchs 1894 am Weisshornpass geschossen. In den französischen Alpen beobachtete man den Eurasischen

Luchs vor seiner Wiederansiedlung das letzte Mal im Jahre 1903,in der Schweiz 1904 beim Simplonpass. Verhältnismäßig lange konnte

sich der Luchs dagegen wenigstens in einigen Teilen Österreichs halten. Der letzte autochthone österreichische Luchs wurde 1918 im

Balderschwanger Tal im Bregenzerwald erlegt.

Zwischen 1918 und etwa 1960 war der Eurasische Luchs in Westeuropa damit weitgehend ausgerottet. In großen Teilen Nord-, Ost-,

und Südosteuropas sowie in den meisten asiatischen Vorkommensgebieten konnte sich die Art jedoch halten, die westlichsten

autochthonen Vorkommen gab es um 1960 in Südschweden, Ostpolen und der östlichen Slowakei.

 

Wiederansiedelungsmaßnahmen und heutiges Verbreitungsgebiet in Europa


Durch zahlreiche Auswilderungen sind heute einige Bereiche Westeuropas wie die Alpen, der Jura, die Vogesen und der Böhmer-

wald wiederbesiedelt. In den Nordwestalpen sind mittlerweile nahezu alle geeigneten Lebensräume von Luchsen besetzt.

Diese Wiederbesiedlungsprogramme sind in der Öffentlichkeit umstritten gewesen und ihre Durchführung erwies sich nicht

immer als problemlos. Auf die spezifischen Probleme wird im Kapitel Menschen und Luchse eingegangen. Luchsfährte im Schnee

charakteristisch für Luchsfährten ist das Fehlen von Krallenabdrücken, da diese während des Laufens in die Hauttaschen

zurückgezogen werden

Führend in der Wiederansiedelung des Luchses war die Schweiz: Am 23. April 1971 wurden in der Schweiz im Areal des

Jagdbannbezirk Huetstock bei Engelberg in der Nähe von Luzern die ersten zwei aus den Karpaten stammenden Luchse

ausgesetzt. Bis 1976 wurden weitere Luchse wieder angesiedelt, die sich bis 1979 bereits über ein 4500 Quadratkilometer

großes Gebiet verbreitet hatten. 1991 waren in den Schweizer Nordwest- und Zentralalpen 10.000 Quadratkilometer und

im Jura 5000 Quadratkilometer wieder mit Luchsen besiedelt. In den in der Nordostschweiz gelegenen Kantonen St. Gallen,

Zürich, Thurgau und beiden Appenzell wurden zwischen 2001 und 2003 insgesamt neun weitere Luchse ausgewildert, die

auch dort eine tragfähige Population begründen sollten.

In Österreich wurden 1976 neun Luchse aus der Slowakei im Dreiländereck Steiermark-Kärnten-Salzburg ausgewildert,

allerdings blieb die daraus resultierende Population bis heute klein. In den französischen Vogesen, wo man 1983 19 Luchse

auswilderte, konnte sich dagegen eine stabile Population entwickeln. Die Nachkommen von drei in Slowenien ausgewilderten

Luchspaaren besiedeln heute ein Verbreitungsgebiet von der slowenischen Grenze zu Italien und Österreich bis nach

Bosnien-Herzegowina.

In Deutschland waren bereits in den 1950er Jahren vermutlich aus Tschechien einzelne Luchse in den Bayerischen Wald

eingewandert. 1962 gab es die ersten gesicherten Hinweise auf Luchse im Elbsandsteingebirge und 1969 wurden erstmals

wieder Luchse in derDübener Heide nördlich von Leipzig beobachtet. Mittlerweile gibt es in Deutschland neben der Population

im Bayerischen Wald wieder Luchse in der Sächsischen Schweiz, im Pfälzerwald und im Fichtelgebirge. Im Nationalpark Harz läuft

ein Auswilderungsprojekt, in dessen Rahmen seit dem Jahr 2000 insgesamt 24 Luchse ausgewildert wurden. Einzelne wahrscheinlich

aus der Schweiz eingewanderte Luchse wurden auch schon wieder im Schwarzwald gesichtet. 2002 kam es im Harz zur ersten

Geburt freilebender Luchse seit der Wiedereinführung. Seit 2004 wurden in verschiedenen Teilen Deutschlands Luchse gesichtet,

deren Herkunft häufig unklar ist. Beispielorte für solche Sichtungen sind das obere Donautal, die Eifel und der Odenwald. In einer

Sturmnacht vom 18. auf den 19. Januar 2007 gelang einem Luchspärchen aus dem Tierpark Suhl die Flucht in den Thüringer Wald.

Überlebenschancen haben diese Tiere allerdings nur, wenn sie die Fähigkeit besitzen, in der freien Wildbahn Beutetiere zu schlagen.

Einzelsichtungen sind allerdings noch kein Beleg, dass Luchse eine Region wiederbesiedelt haben und sich dort fortpflanzen.

In der Regel begründen Luchse Reviere nur dann, wenn diese territorialen Anschluss an benachbarte Luchsreviere haben.


 

 

Lebensraum und Revieransprüche


Der Eurasische Luchs bevorzugt grundsätzlich als Lebensraum große Waldareale mit dichtem Unterholz und nutzt offene Landschaften

und menschliche Siedlungen nur randlich und temporär. Ideale Voraussetzungen für die Jagd bieten ihm Wälder mit einer stark

kleinräumlichen Gliederung durch Altholzinseln, Lichtungen, felsige Hänge und morastige Zonen. Eurasische Luchse finden sich

allerdings auch in der felsigen Gebirgszone bis in eine Höhe von 2500 Metern, in Niedermooren und auf Heideflächen und in

überwiegend baumlosen Hochebenen Zentralasiens. Kennzeichnend für letztere Lebensräume ist, dass diese durch Felsen und

Gebüsch eine große Anzahl von Deckungsmöglichkeiten verfügen.


Die telemetrischen Untersuchungen, die eine Reihe von Wiederansiedlungsprojekten der letzten Jahrzehnte begleiteten, haben

gezeigt, dass Luchse einen großen Teil ihrer Beute im Randbereich von Wäldern jagen und dabei auch landwirtschaftlich genutzte

Flächen betreten. Tagsüber halten sie sich in ihren Verstecken auf und tolerieren dabei durchaus auch die Nähe zum Menschen.

Sowohl in den Vogesen als auch im Bayerischen Wald zogen weibliche Luchse Junge unweit von touristisch stark frequentierten

Plätzen auf.

Die ermittelten Reviergrößen für Eurasische Luchse variieren stark in Abhängigkeit von der Walddichte und –struktur, den

Deckungsmöglichkeiten, der Dichte von potentiellen Beutetieren, der Besiedelung durch Menschen sowie den topografischen

Verhältnissen. Untersuchungen in den Schweizer Nordalpen haben eine durchschnittliche Reviergröße von 250 Quadratkilometern

ermittelt, wobei das kleinste Revier 96 und das größte 450 Quadratkilometer umfasste. Im Jura, wo der Waldanteil höher ist,

wurde dagegen ein Aktionsraum von 100 bis 150 Quadratkilometer ermittelt. In den Karpaten, dem westlichen Russland und dem

ehemaligen Jugoslawien wurde dagegen eine Bestandsdichte von einem Luchs je 10 bis 40 Quadratkilometer ermittelt. Weibchen

haben grundsätzlich kleinere Reviere als die männlichen Tiere, deren Revier meist gewöhnlich doppelt so groß ist und sich mit den

Revieren von bis zu zwei Weibchen überlappen kann. Reviergrenzen werden durch Harn, Losung und teilweise auch durch Kratz-

spuren markiert.

Untersuchungen über das Raumverhalten von Luchsen innerhalb ihres Revieres liegen vor allem aus dem polnischen Białowieża-

Nationalpark vor. Dort durchstreiften Luchse an einem Tag etwa 1,7 bis 2,6 Prozent ihres Reviers. Raumnutzungsverhalten und

Reviergröße sind auf die Jagdweise des Luchses zurückzuführen. Als Überraschungsjäger schlägt er vor allem Beutetiere, die sich

unvorsichtig verhalten. Bei einem längeren Aufenthalt in einem Teil seines Reviers stellen sich seine Beutetiere auf die Anwesenheit

des Beutegreifers ein und verhalten sich scheuer. Um einen angemessenen Jagderfolg sicherzustellen, ist der Luchs daher darauf

angewiesen, innerhalb seines Reviers immer wieder sein Jagdgebiet zu wechseln.


 

Beutespektrum


Das Beutespektrum umfasst praktisch alle im jeweiligen Lebensraum vorhandenen kleinen und mittelgroßen Säuger und Vögel.

So zählen unter anderem Rotfüchse, Marder, Wildschweine, Mäuse und Murmeltiere zu den von Luchsen geschlagenen Beutetieren.

Kleine und mittelgroße Huftiere mit einem Gewicht von 20 bis 25 Kilogramm stellen jedoch die bevorzugte Beute dar. Damit werden

zumindest in Mitteleuropa Rehe am häufigsten geschlagen. Sie machen häufig mehr als 80 Prozent des Beutespektrums aus. Andere

Tierarten sind dagegen im Verhältnis zu ihrem Vorkommen unterrepräsentiert.

In den Alpen dominieren im Beutespektrum Rehe und Gämsen. Im Bayerischen Wald spielen neben Rehen auch Rothirschkälber und

Feldhasen eine wichtige Rolle. Von 102 dort aufgefundenen Beutetieren des Luchses fanden sich neben 71 Rehen 17 Rothirsche,

8 Hasen, 3 Wildschweine und 3 Füchse. Bei Wildschweinen sind es meist Jungtiere, die ihm zum Opfer fallen. Ausgewachsene

Wildschweine sind zu wehrhaft, um als Beutetier für den Luchs in Frage zu kommen. In dem an Füchsen reichen Schweizer Jura

machen Füchse mehr als 10 Prozent des Beutespektrums des Eurasischen Luchses aus. In der Taiga jagt der Luchs dagegen vor

allem Schneehasen und Raufußhühner.


Jagdverhalten


Der Luchs lebt als Einzelgänger, der vor allem in der Dämmerung und nachts jagt. In der Regel ruhen Luchse während des Tages

in ihren Verstecken. Während der Ranzzeit kann man auch am Tage aktive Luchse beobachten. Der Eurasische Luchs ist ein

Überraschungs- oder Lauerjäger, der seine Beute vor allem an regelmäßig begangenen Wildwechseln schlägt. Die Jagd erfolgt

nach Katzenart durch Auflauern oder Anschleichen mit abschließendem Anspringen, beziehungsweise einem Kurzspurt von meist

unter 20 Meter Länge. Bei diesen Kurzsprints kann der Luchs eine Geschwindigkeit von fast 70 km/h erreichen. Die Hinterbeine,

deren Länge die der Vorderbeine übertrifft, begünstigen dabei ein schnelles Zusprinten auf die Beute. Die Jagdbeute wird durch

einen gezielten Biss in die Kehle erstickt. Entkommt ihm die Beute bei einem solchen Angriff, wird das Beutetier bestenfalls über

eine kurze Strecke verfolgt. Der Luchs versteckt die unzerlegte Beute mitunter unter Ästen und Blättern. Zu ihren Rissen kehren

Luchse in der Regel mehrfach zurück. Sie nehmen dabei pro Nacht zwischen 1 und 2,7 Kilogramm Fleisch auf. Der Nahrungsbedarf

an reinem Fleisch liegt für einen 25 Kilogramm schweren Eurasischen Luchs bei etwa 1,1 Kilogramm.



Junger Luchs im Unterholz 

 

 

Paarung und Aufzucht der Jungtiere


Die Pärchen finden nur zur Paarungszeit zwischen Februar und April zusammen. Weibchen beteiligen sich gewöhnlich das erste

Mal in ihrem zweiten Winter an der Ranz. Männliche Tiere suchen gewöhnlich erst in ihrem dritten Winter nach einem deckungs-

bereiten Weibchen. Die sonst einzelgängerisch lebenden Tiere markieren in dieser Zeit mit ihrem stark riechenden Urin das Kerngebiet

ihrer Reviere besonders intensiv. Die Markierungen werden bevorzugt auf Nasenhöhe der Luchse an Wurzelstöcken oder Steinen

abgesetzt. Auch die lauten Ranzrufe, die einem lang gezogenen „Ouh“ gleichen, sind in dieser Zeit häufig zu hören.

Hat ein Männchen eine paarungsbereite Luchsin gefunden, hält es sich in dieser Zeit mehrere Tage in ihrer Nähe auf.

Treffen mehrere Männchen aufeinander, kämpfen sie um das Paarungsrecht. Bei der Paarung nähert sich das Männchen dem

Weibchen von hinten und springt dann auf. Die Paarung, während der sich das Männchen im Nackenfell der Katze verbeißt,

dauert etwa drei Minuten. Grundsätzlich paart sich die Luchsin während der Ranzzeit mit nur einem männlichen Tier.

Die zwei bis fünf Jungen werden nach einer Tragzeit von etwa 73 Tagen meist an einem ruhigen Platz wie etwa einer Felshöhle

oder unter einem Wurzelteller geboren. Das Geschlechterverhältnis der Jungtiere ist bei der Geburt ausgeglichen. Die Jungtiere,

die bereits behaart zur Welt kommen, wiegen zum Zeitpunkt ihrer Geburt etwa 240 bis 300 Gramm und sind während der ersten

16 bis 17 Lebenstage blind. Sie werden nur von der Mutter betreut. Ab einem Alter von vier Wochen beginnen sie allmählich auch

an den Beutetieren der Mutter mitzufressen. Sie werden maximal bis zu einem Alter von fünf Monaten gesäugt. Jungtiere bleiben

bis zum nächsten Frühjahr bei der Mutter. Dann versuchen sie, ein eigenes Revier zu finden. Ihre Geschlechtsreife erreichen

weibliche Jungluchse in ihrem 21. Lebensmonat. Die Kuder sind dagegen im Normalfall erst nach Erreichen des 33. Lebensmonats

fortpflanzungsfähig.

Die Sterblichkeit der Jungtiere ist sehr hoch. Während erwachsene Luchse kaum durch andere Raubtiere gefährdet sind,

werden Jungtiere von Braunbären, Wölfen, Vielfraßen und gelegentlich sogar Füchsen geschlagen. In Asien ist auch der

Leopard ein potentieller Fressfeind junger Luchse. Die hohe Sterblichkeit der Jungtiere ist jedoch weniger durch Fressfeinde

bedingt als durch Verkehrsunfälle sowie in geringerem Maße durch Krankheiten. Nach jetzigem Kenntnisstand sind Luchse für

alle bakteriellen und viralen Erkrankungen anfällig, die auch bei Hauskatzen vorkommen.[40] Jungtiere haben außerdem nur

dann eine Überlebenschance, wenn sie ein unbesetztes Revier finden, nachdem sie sich von ihrem Muttertier getrennt haben.

Nur etwa jedem vierten Jungluchs gelingt dies. Die Lebensdauer von Luchsen, denen eine Reviergründung gelingt, liegt bei

zehn bis fünfzehn Jahren. In Gefangenschaft gehaltene Tiere erreichen ein Lebensalter von bis zu 25 Jahren.

Ein etwa 8 - 10 Wochen junger Luchs, aufgenommen im Wildpark Warstein
 

 

 

Gefährdung und Bestand


Die Art als Ganze gilt nach der IUCN als „nicht gefährdet“. Die Jagd auf Luchse ist aber in den meisten Staaten wie auch in Deutschland,

Österreich und der Schweiz entweder verboten oder streng reguliert. Internationalen Schutz bieten unter anderem die

Berner Konvention, die Bonner Konvention, die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union und CITES. Größtes Problem

für den Luchs in Mitteleuropa ist die Wilderei, die gerade im Balkan zu einem dramatischen Rückgang der Luchspopulation geführt hat.

Von der Unterart Lynx lynx martinoi gibt es nur etwa 100 Exemplare, die in Albanien und Mazedonien leben.

Der Gesamtbestand in Europa wird auf etwa 7000 Luchse geschätzt, während weltweit etwas weniger als 50.000 Tiere leben.

Die erfolgreiche Wiederansiedelung in Mittel- und Westeuropa kann aber noch nicht als völlig gesichert gelten, da sich erst erweisen

muss, ob die etablierten Populationen langfristig überlebensfähig sind.


 
Jungtier beim spielen (Wildpark Warstein) 

 

 

Das Bild des Luchses


Luchse spielen verglichen mit Wolf und Bär eine weit geringere Rolle in den europäischen Mythen und Märchen. Dies kann als Beleg

dafür gewertet werden, dass Menschen mit dem nicht sonderlich scheuen, aber kaum sichtbaren Luchs weit weniger Kontakt hatten

als mit den zwei anderen großen europäischen Beutegreifern. Auch das 1933 erschienene Handwörterbuch des deutschen

Aberglaubens hält zum Luchs fest, dass von ihm kaum noch die Rede sei. Bereits seit der Antike galt der Luchs allerdings als

außerordentlich scharfsichtig (vgl. Lynkeus, Accademia dei Lincei), in Deutschland auch als hellhörig („Ohren wie ein Luchs“)

und verstohlen („jemandem etwas abluchsen“).

In der Volksmedizin wurden in Edelmetalle gefasste Luchskrallen, die als Amulett getragen wurden, als Mittel gegen Alpträume

und gegen Epilepsie verwendet. Gebrauch fanden aber auch andere Körperteile des Luchses: Luchsfett sollte bei Gicht helfen,

und bei geschwollenen Mandeln sollte es hilfreich sein, durch den rechten hohlen Schenkelknochen des Luchses zu trinken.

Verglichen mit dem Wolf ist der Luchs weniger negativ besetzt – anders als bei diesem Beutegreifer stehen weite Teile der

Bevölkerung der Rückkehr des Luchses positiv beziehungsweise gleichgültig gegenüber. Die Rückkehr des Wolfs ist dagegen

von einer deutlich ablehnenderen Haltung begleitet und wird stärker mit einer Gefährdung von Menschen und Haustieren assoziiert.

Nach der Meinung des Naturschutzexperten Josef Reichholf ist dies darauf zurückzuführen, dass die Arten der Katzen nicht in

vergleichbarer Weise zum Aufbau eines Feindbildes geeignet sind. Dies vereinfacht Wiederansiedelungsprojekte, da Widerstand

gegen diese Projekte sich vor allem auf Interessenskreise wie Landwirte und Jäger begrenzt, die Auswirkungen auf Wild- und

Weidetiere befürchten. Die frühe Ausrottung des Luchses in Mittel- und Westeuropa sieht Josef Reichholf vor allem dadurch

bedingt, dass Luchse einfacher und mit einem geringeren Aufwand als der Wolf zu erjagen waren.

Luchsmutter mit ihren Jungen
 

 

 

Erfolge und Misserfolge der Wiederansiedlungsprogramme


Die Wiederansiedelung des Luchses ist nicht frei von Rückschlägen gewesen. Illegale Auswilderungen, die in der Schweiz

und im Bayerischen Wald in den 1970er Jahren stattfanden, haben die Glaubwürdigkeit von Wiederansiedelungsprogrammen

bei der Bevölkerung in diesen Regionen nachhaltig geschädigt. Gleichzeitig hat sich erwiesen, dass nur sorgfältig ausgewählte

Luchse in der Lage sind, sich in freier Wildbahn zu etablieren. Bei den erfolgreich verlaufenen Wiederansiedelungen handelte

es sich meist um jagderfahrene Wildfänge. Luchse aus Gefangenschaftshaltung sind überwiegend nicht in der Lage, ausreichend

Beute zu schlagen. In wiederbesiedelten Gebieten ist es außerdem zu einer Anzahl illegaler Abschüsse beziehungsweise

Vergiftungsaktionen gekommen.

Die Populationszahl der in deutschen Mittelgebirgen mittlerweile vorhandenen Luchse ist derzeit noch zu klein und die Bestände

teilweise isoliert. Wanderkorridore sind notwendig, damit Bestände wie etwa die im Harz nicht verinseln. Erst ab einer Bestandszahl

von 50 bis 100 Tieren, die sich untereinander fortpflanzen können, ist eine ausreichende genetische Variabilität sichergestellt.

Ähnliches gilt auch für die Schweiz, die bislang die größten Erfolge in der Wiederansiedelung aufweist. Die zwei etablierten

Luchspopulationen begrenzen sich auf das Juragebirge und die Nord- und Zentralalpen. Das dazwischenliegende Mittelland

dagegen ist unbesiedelt, zwischen den beiden Populationen kommt es nicht zum genetischen Austausch.



 

Der Text ist unter der Lizenz „Creative Commons Attribution/Share Alike“ verfügbar; zusätzliche Bedingungen

können anwendbar sein. Einzelheiten sind in den Nutzungsbedingungen beschrieben. Fotos: Peter Häfele



 

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